Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Agatha Christies "Die Zeugin der Anklage" - Pressevorbericht in den Kieler Nachrichten vom 17.10.2006 (Beate Jänicke)
"Diese Frau ist böse, davon bin ich überzeugt".
Rechtsanwalt Carter ist wahrhaftig nicht gut zu sprechen auf die Zeugin der Anklage, die seinen Mandanten, der außerdem auch noch ihr Ehemann ist, an den Galgen zu bringen droht. Mr. Leonard Vole, Handelsvertreter, wird des Mordes bezichtigt an der schwerreichen Emily French. Alles scheint hoffnungslos für ihn, bis plötzlich geheimnisvolle Briefe dem Fall eine neue Wendung geben.
Etwas Größeres für alle
Witness for the prosecution (Zeugin der Anklage) heißt der Titel der Krimikurzgeschichte von Agatha Christie aus dem Jahr 1933, die als Vorlage für das gleichnamige Theaterstück diente. Im Londoner Winter Garden Theatre feierte die Bühnenfassung 1953 Uraufführung und wurde vier Jahre später von Billy Wilder mit Marlene Dietrich in der Titelrolle kongenial verfilmt. Einen Gerichtskrimi inszenieren, das könnte mal etwas ganz anderes sein, dachte sich Jörn Arens, der außerdem Agatha-Christie-Fan ist, und schlug seinen Theaterkollegen das Stück vor. Die stimmten zu, auch weil die Bühnenversion mit ihren 13 Rollen für die sechs Neulinge im Ensemble Gelegenheit bot, von Anfang an mit einzusteigen. "Wir wollten mal wieder etwas Größeres machen, um alle einzubinden", erklärt Silke Arens, die die verschrobene Haushälterin des Opfers spielt.
Zeitlose Motive
"Ein paar Veränderungen haben wir aber schon vorgenommen", sagt Jörn Arens, Leiter des Werkstatt-Theaters, der nicht nur die Regie des Stücks übernommen hat, sondern auch den dubiosen Angeklagten Mr. Vole mimt. "Wir haben das Stück ins Amerika der 70er verlegt, weil wir statt eines in die Jahre gekommenen Verteidigers ein junges dynamisches Rechtsanwalts-Paar besetzen wollten." "Aber eigentlich sind die Motive des Stoffes total zeitlos", ergänzt Co-Regisseur Joachim Wendt, der den gewieften Staatsanwalt gibt, "man blickt in menschliche Abgründe von Geldgier, Heuchelei und verratener Liebe, das kann man auch noch in 100 Jahren zeigen. Für uns ist das Stück in erster Linie eine schöne Herausforderung, weil es tolle Rollen hat."
Mit Raffinesse zur Spannung
Etwa die Titelrolle der Ehefrau des Anklagten: Vom Mythos der Dietrich lässt sich Darstellerin Anja Wermke-Brandtner dennoch nicht ins Bockshorn jagen: "Ich kenne die Verfilmung nicht und habe sie mir auch nicht angesehen, kopieren könnte ich die Dietrich sowieso nicht, also mache ich es auf meine Weise." Zudem setze das Werkstatt-Theater auf die vielen raffinierten Wendungen in der Story, erläutert Friedrich Caesar, der den Richter spielt: "Jeder Zeuge bringt eine neue Farbe ins Spiel, das macht die Spannung dieses Krimis aus."
