Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Agatha Christies "Die Zeugin der Anklage" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 20.10.2006 (Beate Jänicke)
| Wer es getan hat, darum dreht sich alles, davon lebt die Spannung des Stücks auch in der Inszenierung des Werkstatt-Theater-Kiel, die im gut besuchten KulturForum eine viel beklatschte Premiere erlebte. |
Wer wollte der alten Dame an die Dollars?
Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit - im Gerichtskrimi Zeugin der Anklage (Witness for the Prosecution) nach einer Kurzgeschichte von Agatha Christie pochen sie alle darauf: Richter, Staatsanwalt und Verteidiger, jeder müht sich, Licht ins Dunkel der Ermordung der schwerreichen Emily French zu bringen. Wer wollte der alten Dame an die Dollars? Etwa der abgebrannte, aber naive Leonard Vole, der neuerdings ständig bei ihr ein- und ausging? Oder die herrschsüchtige Haushälterin des Opfers? Und welche Rolle spielt Voles kalt berechnende Ehefrau Christine?
Bis zum Showdown
Als klassischer "Who Dunnit?"-Krimi kommt die Theateradaption daher. Wer es getan hat, darum dreht sich alles, davon lebt die Spannung des Stücks auch in der Inszenierung des Werkstatt-Theater-Kiel, die im gut besuchten KulturForum eine viel beklatschte Premiere erlebte. Ins Amerika der 70er hat die Amateurtruppe das Stück verlegt, was bis auf Bühnendekorationen und Umwandlung der Figur des ältlichen Strafverteidigers zu einem jungen Anwaltspaar aber keine Folgen zeitigt. Kammerspielartig auf zwei Innenräume beschränkt - Anwaltskanzlei und Gerichtssaal - zeigt Regisseur Jörn Arens das manchmal etwas schleppende Hin und Her bis zum überraschenden Showdown.
Mitten im Geschehen
Ein schöner Einfall, die Gerichtsverhandlung teilweise in den Zuschauerraum zu verlegen und das Publikum als Geschworene mitten ins Geschehen zu holen. Problematisch wirkt dagegen das in sich widersprüchliche Konzept der Inszenierung: Während einige Darsteller vollkommen realistisch agieren - besonders gelungen bei India Roth als taffe Strafverteidigerin - kommen andere wie Silke Arens in der Rolle der verschrobenen Haushälterin beinahe als Karikatur daher. Auch der Auftritt des Kommissars (Stefan Schwarze), dessen pinkfarbene Flower-Power-Brille wie ein absurder Farbtupfer wirkt, irritiert. So unterschiedliche Spielweisen innerhalb eines Stücks passen einfach nicht zusammen. Da hätte man sich klarer entscheiden sollen, ohne deswegen auf Humor und Ironie verzichten zu müssen - die es ja auch in der berühmten Filmadaption von Billy Wilder durchaus gibt.
Ein Geheimnis bis zum Schluss
Ein Gerichtsdrama kennt naturgemäß nicht viele Szenenwechsel und basiert meist hauptsächlich auf dem Text, darum lebt es ganz wesentlich von seinen Darstellern. Alte "Werkstatt-Theater-Hasen" wie Joachim Wendt als Staatsanwalt und Friedrich Caesar als Prototyp des sorgenvoll zerfurchten Richters präsentieren ihre Rollen mit Gelassenheit. Marcus O. Klein gibt den jungen Anwalt anfangs etwas steif, aber findet sich zunehmend zurecht. Sybille Börnsen nimmt man die kokette Anwaltssekretärin dagegen nicht ab, noch zu aufgesetzt wirken ihre Verführungsposen. Jörn Arens als Angeklagter Mr. Vole hat stimmige Momente, rutscht aber manchmal in unfreiwillige Komik. Seine Ehefrau und Gegenspielerin Christine wird von Anja Brandter mit genau jenem Quäntchen Zwielichtigkeit ausgestattet, das die Figur braucht, um ihr Geheimnis - das an dieser Stelle natürlich keinesfalls gelüftet wird - bis zum Schluss zu bewahren.
