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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" - Pressevorbericht in den Kieler Nachrichten vom 20.10.2004 (bej)

"Ibsen hat die Figuren so wunderbar überzeichnet und sie dadurch so treffend beschrieben, dass das Stück auch heute noch Gültigkeit besitzt. Solche Typen laufen immer noch rum." 

Baden im Grab

"Wisst Ihr, was unser großes, prächtiges Kurbad, das so viel Geld gekostet hat, wirklich ist?" Mitten hinein in die gemütliche Runde am Abendbrottisch platzt Badearzt Dr. Stockmann (Thies John) mit seiner schockierenden Entdeckung: "Die ganze Badeanstalt ist ein mit Kalkfarbe getünchtes, vergiftetes Grab."

Angst vor Aufdeckung

Das Heilwasser, die "Lebensader" der Stadt, ist verseucht – so die Ausgangslage in Henrik Ibsens Gesellschaftsdrama "Ein Volksfeind". Doch statt Stockmann für seine Aufdeckung zu feiern, versuchen die Verantwortlichen, allen voran sein eigener Bruder, der Amtsrat (Joachim Wendt), die Sache zu vertuschen. Schließlich lebt man nicht schlecht von den Kurgästen. Aber auch Stockmann bleibt stur.

Vom Aufklärer zum Menschenfeind

"Stockmann ist ein vollkommener Moralist", sagt Regisseur Jörn Arens vom Werkstatt-Theater-Kiel, der das Stück mit der Amateurbühne inszeniert, "er hat eherne Grundsätze und geht nicht von ihnen ab, egal um welchen Preis; das macht ihn zur tragischen Figur." Arens hat Ibsens 1883 uraufgeführtes, ebenso kritisches wie anregendes Stück über einen Mann, der sich in seinen Idealen verrennt und vom aufgeklärten Intellektuellen zum elitären Menschenfeind wandelt, in die Gegenwart verlegt. Man kommuniziert per ISDN und DSL. Ort der Handlung ist nicht mehr Norwegen, sondern ein imaginäres "Kurbad Neustadt" in Schleswig-Holstein. "Ibsen hat die Figuren so wunderbar überzeichnet und sie dadurch so treffend beschrieben, dass das Stück auch heute noch Gültigkeit besitzt. Solche Typen laufen immer noch rum: Der Amtsrat, der genau weiß, wie er die Leute manipulieren kann oder auch der unverbesserliche Idealist Stockmann."

Position beziehen

Weniger um vordergründige Politik, etwa zum Thema Umweltverschmutzung, als um die entlarvende Beschreibung der Charaktere und ihrer Beziehungen gehe es, meint Thies John, der die Rolle des verbissenen Kurarztes Stockmann übernimmt. Von ihm stammt außerdem die Idee zum multifunktionalen Bühnenbild, in dem Abwasserleitungen aus PVC-Rohren eine tragende Rolle spielen. Darstellerkollege Joachim Wendt, der Stockmanns brüderlichen Widersacher, den Amtsrat, gibt, fasziniert dagegen vor allem, dass Ibsen keine simple Schwarzweißmalerei betreibt: "Man kann sich jeweils in die Lage des anderen hineinversetzen. Keine der Figuren ist eindeutig gut oder böse, dem Zuschauer wird es ziemlich schwer fallen, herauszufinden, wo er sich selbst in dieser Geschichte positionieren möchte."