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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 22.10.2004 (Almut Behl)

Fast meint man, hier werde Brecht vorweg genommen, so parabelhaft wie hier menschliche Vorteilsnahme unter dem Vorwand bester Vorsätzen regieren. Realistischer Stoff, in mehr als unterhaltsamer Ohnsorg-Manier gespielt.  

Ideale in der Kanalisation

Kann man selbst im Dunkel der Kanalisation noch Ideale haben? Man kann. Wenn die Rohre, die auf der Bühne im vollbesetzten Kulturforum symbolisch durch die Wohnung des Badearztes Stockmann laufen, das Aderwerk dessen darstellt, von dem er, seine Familie und die ganze Stadt leben: Das Kurbad. Mikroorganismen belasten jedoch das Wasser und der rechtschaffende Stockmann will die Mißstände an die Öffentlichkeit bringen. "Was hilft Dir das Recht, wenn Du keine Macht hast ?", fragt seine Frau jedoch besorgt (etwas moralinsauer: Silke Arens), als sich die Dinge zu spitzen: der Bruder (Joachim Wendt mit bejubelter Strenge) ist aus wirtschaftspolitischen Gründen gegen eine Schließung, die lokale Presse schwenkt ebenso um – und bald haben sich alle gegen ihn verschworen.

Zum Lachen und zum Nachdenken

Henrik Ibsens Schauspiel von 1882 hat trotz seiner 120 Jahre nichts an Aktualität eingebüßt und dem Kieler Werkstatttheater gelingt unter der Regie von Jörn Arens eine gut besetzte, mit "Email und DSL" angereicherte Inszenierung aus Sozialkritik und Satire, die das Publikum zum Lachen und nachdenken bringt. Ganz hervorragend Sympathieträger Thies John, der Doktor Stockmann als wackeren Optimisten irgendwo zwischen der Gutgläubigkeit eines Joachim Król und der Karikatur à la Ernst Hilbich darstellt, trotzig, kämpferisch und auch bedauernswert. Verständlich, daß sich der der zunehmend Isolierte in einer Bürgerversammlung zu reaktionärer moralischer Rhetorik aufschwingt: "Der größte Feind der Wahrheit ist die geschlossene Mehrheit !; Die Dummen herrschen über die Klugen".

Mehr als unterhaltsame Ohnsorg-Manier

Er ist ein ohnmächtig Verzweifelter zwischen dem politischen Wankelmut des Zeitungsdruckers und Vorsitzenden des Hauseigentümerverbandes Aslaksen (sehr gut Stefan Schwarze als akzentuiertfeiger Opportunist) und dem triumphal grinsenden Pressevertreter Hovstadt, dem Timm Engels trotz mancher Steifheit mit gerecktem Kinn Charakter verleiht, dem aristokratisch agierenden Bruder und seiner geduckten Familie, darunter Anja Wermke-Brandtner (Petra) und die Kinder Lene Caesar sowie Till und Lina Arens. Friedrich Caesar brilliert wie immer mit großer Präsenz und zackigem Spiel, hier als Schwiegervater Morten Kiil, der schließlich das Erbe in Badeaktien anlegt. Fast meint man, hier werde Brecht vorweg genommen, so parabelhaft wie hier menschliche Vorteilsnahme unter dem Vorwand bester Vorsätzen regieren. Realistischer Stoff, in mehr als unterhaltsamer Ohnsorg-Manier gespielt.