Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" - Pressevorbericht in den Kieler Nachrichten vom 14.10.2005 (Beate Jänicke)
| "Es ist schon so, dass mich die Rolle überall hin begleitet, ich nehme sie sogar abends mit ins Bett. Entweder man frisst diesen Typen, oder es funktioniert nicht." |
Vom Film zur Theaterbühne
Es ist ein moderner Klassiker des Schauspielertheaters, Edward Albees Psychodrama Wer hat Angst vor Virginia Woolf?. 1962 am New Yorker Broadway uraufgeführt, wurde die Geschichte um das Ehepaar Martha und George, das sich in Hassliebe bekriegt, bis die Fetzen fliegen, mit Liz Taylor und Richard Burton in den Hauptrollen kongenial verfilmt; auch von den Theaterbühnen ist sie seither nicht mehr wegzudenken.
Auftakt zu Beleidigungen und Verletzungen
Jetzt wagt sich das Werkstatt-Theater-Kiel an den fulminanten Stoff. Ein Wohnzimmer in den Sechzigern ist der Schauplatz der Eheschlacht. Es ist mitten in der Nacht nach einer Party. Martha (Silke Arens) und George (Friedrich Caesar) sind mal wieder betrunken und haben zu allem Überfluss auch noch den Jungprofessor Nick (Christian Steen) und seine Gattin Putzi (Mitschi Jacobi) auf ein letztes Glas zu Gast. Auftakt zu einer Serie von gegenseitigen Beleidigungen und Verletzungen.
Es ist kein einfaches Stück
"Vor zehn Jahren habe ich den George selbst im Studententheater im Sechseckbau gespielt, seitdem hatte ich die Idee, die Geschichte irgendwann mal zu inszenieren", erzählt Regisseur Thies John. "Es ist kein einfaches Stück, die Charaktere sind sehr komplex. Es geht um Verdrängungsmechanismen und um Phantasiegespinste, das hat mich besonders interessiert." Auf gut zweieinhalb Stunden verknappte John den Text: "Da sind einige Passagen drin, die das Ganze unnötig strecken, die habe ich rausgenommen." Angesiedelt ist die Inszenierung des Werkstatt-Theaters-Kiel in der Zeit, in der auch der Taylor-Burton-Streifen spielt, aber angeguckt haben sich Thies John und sein Ensemble den Film vorher nicht mehr. "Das haben wir bewusst nicht gemacht", erzählt Mitschi Jacobi, die die naive Putzi gibt, "um uns nicht beeinflussen zu lassen."
Mit der Rolle ins Bett
Die seit einem Jahr laufenden Vorbereitungen fordern den Amateurdarstellern einiges ab, jede Menge Text ist zu bewältigen, wobei ein spezielles Sprechtraining hilft. Auch die psychische und physische Einfühlung in die Figuren verlangt viel. "Es ist schon so, dass mich die Rolle überall hin begleitet, ich nehme sie sogar abends mit ins Bett", sagt George-Darsteller Friedrich Caesar, "entweder man frisst diesen Typen, oder es funktioniert nicht." Seine Bühnenpartnerin Silke Arens alias Martha ergänzt: "Das geht bis in die Körperhaltung hinein. Normalerweise bewege ich mich viel sportlicher, aber Martha gibt sich eher damenhaft und zugleich auch etwas vulgär, daran musste ich arbeiten."
Lachen bis zum Ende
Bei aller Dramatik soll aber auch der Unterhaltungswert der zuweilen zynisch-komischen Dialoge nicht zu kurz kommen, hat sich Regisseur Thies John vorgenommen: "Es sind viele Sachen drin, die auf ihre Art witzig sind, vor allem in der ersten Hälfte, aber wenn die Inszenierung richtig rüberkommt, bleibt das Lachen am Ende im Halse stecken."
