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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 17.10.2005 (Jörg Meyer)

Dem Werkstatt-Theater-Kiel gelingt eine "Angst vor Virginia Woolf", die keine Scheu vor der Benennung der Ängste hat, die einander zu gut kennen erzeugen. Ein Spiel über den Ernst der Lage, nicht nur einfach der Ehe. Chapeau! 

Das Spiel ist aus

Fünf Uhr morgens auf der Bühne, 23 Uhr im KulturForum. Das Spiel ist aus. So oder so, die reich beklatschte Premiere des Werkstatt-Theaters mit Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", aber auch das Spiel im Spiel, das Spiel um das Spiel, das am Ende des blutigen Ernstes steht.

Es herrscht Krieg

Drei Stunden Theater-Tortur, die nur eine solche sein kann. Die Stärke von Thies Johns Inszenierung besteht nämlich darin, Albees Ehe-Drama das Quälerische gelassen zu haben, jenen sadistischen Masochismus, mit dem die Figuren aufeinander losgehen, aber auch dem Publikum kein Pardon zu geben. Gefangene werden auf beiden Seiten der Rampe nicht gemacht. Es herrscht Krieg und in dem sind bekanntlich die Täter oft auch Opfer (und umgekehrt).

Wörter wie Messer

Genau diesen Wechsel zwischen Dolchstoß und Dulden bringen Silke Arens als Martha und Friedrich Caesar als George schlüssig auf die Bretter. Nicht dass sich die beiden nicht verstünden oder an einander vorbei redeten, so der nahe liegende Topos von Ehe-Dramen, sie verstehen sich auf tragische Weise zu gut und deshalb trifft jedes Wort wie ein Messer ins Herz. Arens mimt die Martha als alternd erotischen Vamp mit Powerfrau-Qualitäten und ängstlichen Abgründen. Caesar gibt dem George genau die richtige Mischung aus Macht und Ohnmacht, um die sich das Spiel dreht, das die beiden mit dem zweiten Ehepaar als Zuschauer wie zu Bekehrende anzetteln. Christian Steen ist ein Nick, der seine Aufsteiger-Machtgelüste höflich verbirgt, im Whisky-Rausch aber umso "zuchtbullig" stammtischelnder herausbölkt. Und wirklich bezaubernd ist Mitschi Jacobis Gekicher als Putzi. Ein Mädchen in züchtigen Seidenstrümpfen, das schon bald die Pumps auszieht und sich herrlich hilflos betrunken auskotzt. Loriotesken, die manche Heiterkeit erzeugen - aber wohl nur, weil auch Loriot von Albee gelernt hat.

Chapeau!

Apropos Trunkenheit: Diesen Zustand zwischen enthemmter Wahrheitsbekundung und komödiantischem Kontrollversuch darzustellen gehört zu den schwierigsten Aufgaben eines Schauspielers. Hier droht die Klamotte gerade bei Laien. Nicht so beim Werkstatt-Theater. Wo man schon bei der Stück-Auswahl annehmen könnte, dass sich das Ensemble damit sicher übernimmt, zeigt es auch hier erstaunliche Professionalität. Ihm gelingt eine "Angst vor Virginia Woolf", die keine Scheu vor der Benennung der Ängste hat, die einander zu gut Kennen erzeugen. Ein Spiel über den Ernst der Lage, nicht nur einfach der Ehe. Chapeau!