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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Jean Paul Sartres "Die respektvolle Dirne" - Pressevorbericht in den Kieler Nachrichten vom 22.10.2007 (Sabine Tholund)

Der Traum eines geregeltes Nuttenlebens

Eigentlich hatte Lizzie vor, in einer Kleinstadt im Süden der USA ein neues Leben zu beginnen. Die Prostituierte aus New York sehnt sich nach einem „geregelten Nuttenleben“, doch ihr Traum platzt schon während der Reise in den Süden. Ein betrunkener, weißer Südstaatler ermordet im Zug einen Schwarzen. Dessen Begleiter, ebenfalls Afroamerikaner, entkommt. Vor Gericht will der Täter behaupten, die Schwarzen hätten die Prostituierte vergewaltigt. Von Lizzies Aussage hängt es ab, ob er verurteilt oder der Farbige hingerichtet wird. Zwischen dem Flehen des Unschuldigen und den Erpressungsversuchen des Täters gerät Lizzie zunehmend unter Druck.

Uraufführung vor 61 Jahren

1946 wurde "Die respektvolle Dirne" in Paris uraufgeführt. Das Stück, geschrieben von Jean Paul Sartre im Anschluss an eine ausgedehnte USA-Reise, basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Mittelpunkt stehen der irrationale Rassenhass der weißen Südstaatler und ihre bigotte Moral, die von der Ehrbarkeit der gesellschaftlich „offiziell“ verachteten Hure weit in den Schatten gestellt wird.

Zeichen setzen

„Sartre hat mit dem Stück den Puls der Zeit getroffen. Das Schlimme ist, dass es heute vermutlich aktueller ist denn je“, sagt Joachim Wendt vom Werkstatt-Theater-Kiel. Mit Friedrich Caesar und Sybille Börnsen, die beide auch auf der Bühne stehen werden, bildet er das Regieteam für das Stück.

Die Zusammenarbeit empfindet das Trio als fruchtbar, schließlich sehen sechs Augen mehr als zwei. „Nicht einer hat die Wahrheit für sich gepachtet. Wir treffen viele Absprachen“, so Caesar, der die Rolle des Farbigen übernommen hat. Sein Gesicht ist nur zur Hälfte schwarz geschminkt, denn seine Bühnenfigur steht nicht für den unschuldig Verfolgten, sondern darüber hinaus für alle jene, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. „In unserer Inszenierung geht es um Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit schlechthin“, sagt Wendt. „Mit der Stückauswahl wollen wir ein kleines Zeichen setzen, um uns zu positionieren.“

Ein realistisches Stück

Zeitlich haben die drei Regisseure das Drama in den 60er Jahren angesiedelt, ansonsten jedoch keine Veränderungen vorgenommen. Caesar: „Der Text ist in sich so schlüssig, dass keine Verfremdungen nötig sind.“ Der Zuschauer soll „ganz realistisch“ die Spannung und die Zuspitzung des Handlungsdrucks fühlen, der auf der Prostituierten lastet, die von Silke Arens verkörpert wird. Neben ihrer Rolle galt es neun weitere zu besetzen: Polizisten, Huren und scheinheilige Honoratioren. Zusammen zeichnen sie das (hässliche) Bild einer fiktiven Kleinstadt, die es so nicht nur in den USA, sondern überall in Europa geben könnte.