Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Jean Paul Sartres "Die respektvolle Dirne" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 28.09.2007 (Sabine Tholund)
| Das Kieler Werkstatt-Theater erzählt die Geschichte um das Dilemma der Dirne Lizzie in einer eindringlichen Inszenierung. |
Das Thema
Eine verhängnisvolle Melange aus Rassenhass, gepaart mit bigotten, puritanischen Moralvorstellungen und pervertierter sexueller Gier, ist Thema des Theaterstücks.
Eine eindringliche Inszenierung
Die respektvolle Dirne, das Jean Paul Sartre 1946 im Anschluss an einen USA-Aufenthalt nach einer wahren Begebenheit schrieb. Das Kieler Werkstatt-Theater erzählt die Geschichte um das Dilemma der Dirne Lizzie in einer eindringlichen Inszenierung, die am Mittwoch in der Hansa48 Premiere feierte.
Emotional packende Szenen
Unter der Regie von Joachim Wendt, Friedrich Caesar und Sybille Börnsen gelingen nuancierte, emotional packende Szenen, die vor allem getragen werden von einer glänzenden Silke Arens in der Titelrolle und Jörn Arens, der in der Rolle des Fred als seelisch deformierter Puffgänger und Despot mit vordergründiger Moral überzeugt. Lizzie ist zufällig Zeugin eines Verbrechens geworden, dessen tatsächlicher Hergang den Honoratioren der Südstaaten-Kleinstadt nicht passt. Die Vorgeschichte wird im Rotlichtmilieu präsentiert. Hier stehen sich die gelangweilten Nutten (Sybille Börnsen, Mitschi Jacobi und Severine Rösch) schweigsam Kaugummi kauend ein wenig zu lange die Füße platt – wegen „der Sache am Bahnhof“ herrscht Konjunkturflaute. Ein Schwarzer ist ermordet worden, ein zweiter auf der Flucht.
Verfolgt vom weißen Mob
Im nächsten Bild stolpert der Flüchtige (Friedrich Caesar), mit halbseitig schwarz geschminktem Gesicht als der universell Ausgestoßene beschrieben, atemlos auf die Bühne. Verfolgt vom weißen Mob, fleht er die friedlich staubsaugende Lizzie an, ihn zu schützen und den wahren Täter zu nennen. Lizzie ist eine, die es in ihrem bescheidenen Reich gern ordentlich hat.
Wolf im Schafspelz
Rührend spießig ist ihr Harmoniebedürfnis, und so wird sie später folgerichtig vor der Freundlichkeit des scheinbar verständnisvollen Senators (als Wolf im Schafspelz: Thies John) kapitulieren. Von dem Bild, eine weißhaarige Mutter würde ihr die Falschaussage zugunsten ihres Sohnes ewig danken, der im Unterschied zum „Neger“ ein wichtiger Bürger des Ortes sei, lässt sie sich einlullen und dieser so leutselig gezeigten Lizzie mag man diesen Moment der Schwäche nicht verübeln.
In furioser Weise gegen Saubermänner
Nicht minder überzeugend lässt Silke Arens die Figur später, wenn das Spiel im zweiten Teil in furioser Weise eskaliert, aufstehen gegen die weißen Saubermänner und ihren unbändigen, irrationalen Hass. Respekt.