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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Claude Magniers "Oskar" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 10.09.2009 (Sabine Tholund)

Ein komplett durchgeknalltes Figurenkarussell dreht sich also in dem Stück des Franzosen und die Darsteller des Werkstatt-Theaters besetzen die Plätze souverän. 

Ganz Paris träumt von der Liebe

„Ganz Paris träumt von der Liebe“, trällert es aus dem Off, und auf der Bühnencouch lümmelt sich das Hausmädchen - ganz offensichtlich in nämlichen Träumen versunken. Wenn es doch nur so einfach bliebe. Denn zum Traum von der Liebe gesellen sich noch ganz andere Begehrlichkeiten an diesem turbulenten Morgen im Hause des Seifenfabrikanten Barnier, den Claude Magnier in seinem Stück „Oscar“ über die Theaterwelt hereinbrechen lässt - eine Boulevardkomödie aus den 50er Jahren, die 1967 mit Louis de Funès erfolgreich verfilmt wurde.

Stoff mit jeder Menge Steilvorlagen

Das Werkstatt-Theater hat sich des Klassikers angenommen und lässt es unter der Regie von Thies John gehörig krachen. Wo es eine Tür gibt auf der Bühne des KulturForums - und es gibt zwei - wird sie polternd zugeworfen, und die Schauspieler dürfen in Gestik und Mimik tief in die Komödienkiste greifen. In der Tat liefert der Stoff jede Menge Steilvorlagen für den wunderbaren Klamauk, der beim Premierenpublikum am Mittwoch große Zustimmung fand. Die Geschichte ist so verrückt wie kompliziert: Barniers Angestellter Leroi schneit frühmorgens mit einer überzogenen Gehaltsforderung sowie dem Geständnis jahrelang begangener Unterschlagung bei seinem Chef ins Haus. Er will dessen Tochter heiraten und ihr mit dem ergaunerten Geld ein angemessenes Leben bieten.

Von armen Kirchenmäusen bis zickigen Mamas

Dass Lerois Angebetete sich nur als Barniers Tochter ausgegeben hat und in Wahrheit selbst arm ist wie eine Kirchenmaus, erfährt der entnervte Fabrikant erst, nachdem ihm seine wirkliche Tochter eine vermeintliche Schwangerschaft aufgetischt hat. Der Vater des Kindes sei Barniers jüngst entlassener Chauffeur (und Titelgeber des Stückes) Oscar. Tatsächlich ist Clodette überhaupt nicht schwanger. Sie will nur heiraten, um dem nervigen Elternhaus zu entkommen, das neben dem despotischen Vater eine zickige Mama zu bieten hat.

Ein amüsantes Desaster mit überzeugenden Spielern

Ein komplett durchgeknalltes Figurenkarussell dreht sich also in dem Stück des Franzosen und die Darsteller des Werkstatt-Theaters besetzen die Plätze souverän. Jörn Arens gibt den gestressten Barnier zwischen Wut und Ohnmacht, haifischlächelnd als windiger Leroi gefällt Marcus Klein, in der Rolle der Fabrikantengattin kauft man Marta Pawlik-John die mondäne Zimtzicke ab. Gelungene Karikaturen zeigen Severine Rösch, die als Barniers rotwangige Tochter Collette ein bestürzend überzeugendes Dusseltier hinstellt, und ein urkomischer Joachim Wendt als kreuzdämlicher Masseur Philippe. Sibylle Börnsen (Nicole), Anja Brandtner (Bernadette), Andre Schöttle (Oscar) und Silke Arens (Charlotte) runden das Bühnenpersonal, das Magniers „Missverständnis in drei Akten“ als amüsantes Desaster präsentierte.