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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Bethold Bechts "Das Leben des Galilei" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 17.10.2008 (Jens Raschke)

Ein Ensemble, das sich nach zweieinhalb Stunden seinen Applaus im gut besuchten KulturForum redlich verdient hat. 

Unruhige Zeiten

Es sind unruhige Zeiten im Italien des frühen 17. Jahrhunderts, in denen der so geniale wie genusssüchtige Großmeister der Physik und Astronomie Galileo Galilei seine umstürzlerischen Entdeckungen am Sternenhimmel macht. Während er als Professor in Padua noch einigermaßen frei schalten und walten und mit einem geklauten Fernrohr-Patent die stets klamme Haushaltskasse auffüllen kann, hockt ihm nach seiner Auswanderung an den florentinischen Medici-Hof alsbald schon der machtgierige Klerus im Nacken: Wohl dem, der hier einen Job bei der heiligen Inquisition hat. Und weil der Kerl partout nicht vom kopernikanischen Weltbild abrücken möchte, wird Galilei schließlich inhaftiert und bis zum Widerruf seiner Thesen mit der Folter bedroht.

Stoff aus dem „Tausendjährigen Reich“

Ein Verräter an der Wissenschaft? Ein schwächelnder Verlierer im ewigen Kampf zwischen stumpfem Machtwahn und blühendem Verstand? Bertolt Brecht entdeckte im Galilei-Stoff 1938, im sechsten Jahr des „Tausendjährigen Reiches“, eine passende Parabel zur angebrochenen verstandesmäßigen Sonnenfinsternis in Nazi-Deutschland und schrieb, bereits im dänischen Exil, sein Stück nieder, das von vielen als sein bedeutendstes gewertet wird: Leben des Galilei, uraufgeführt 1943 in Zürich, unter dem Eindruck der Hiroshima-Bombe zwei Jahre später von Brecht und Charles Laughton in Los Angeles neu bearbeitet.

Eine gelungene Inszenierung

Das Kieler Werkstatt-Theater hat sich nun der Urfassung des Stücks angenommen und es mit großem personalem Aufwand auf die Bühne des KulturForums gewuchtet. Das Ergebnis: eine alles in allem stringente und stimmungsvolle Inszenierung (Regie: Mitschi Jacobi, Stefan Schwarze), die trotz der einen oder anderen szenischen Länge durchaus zu überzeugen vermag. Im variablen Bühnenbild agiert das 15-köpfige Ensemble rollenbewusst und textsicher. Allen voran natürlich Friedrich Caesar, der, wenngleich rein äußerlich fehlbesetzt, seinen Galilei mit grüblerischer Vitalität ausstattet und die zunehmende Zerrissenheit des bedrängten Wissenschaftlers imposant umzusetzen vermag. Lene Caesar verleiht dem jungen Galilei-Schüler Andrea Sarti spontane Begeisterungsfähigkeit; als Erwachsenen stellt ihn später Marcus O. Klein mit heißem Forscherblut auf die Bühne, der den Widerruf seines Lehrmeisters ums Verrecken nicht verknusen mag.

Mit resoluter Frömmigkeit kommt Karin Eickmeyer-Herrmanns Frau Sarti daher, während sich Dennis Hoppe als argwöhnischer Ludovico einen imposanten Italo-Akzent draufgeschafft hat – scheinbar ohne sich darüber zu wundern, dass all die anderen „Italiener“ auf der Bühne das nicht getan haben. Jörn Arens gibt den Kurator amtlich und den Philosophen leicht überkandidelt, während Silke Arens die Hosenrolle des Galilei-Vertrauten Sagredo gut steht. Weitere Damen als Herren: Anja Brandtner als loyaler Linsenschleifer Federzoni und Kate Simmons als harscher Kardinal im glutroten Ornat. Sibylle Börnsen als Tochter Virginia sorgt sich eher kühl um ihren Vater, welcher bei Joachim Wendts schillerndem Kardinal Barberini zunächst ein offenes Ohr, dann, nach dessen Wahl zum Papst, einen gezwungenen Gegner findet. Andre Schöttle als wurstiger Prälat, Horst Heutmann als nüchterner Mathematiker, Thies John als knuffiger Kapuzenmönch Fulganzio und Volker Obrikat als knöcherner Kardinal Bellarmin runden das Ensemble ab, das sich nach zweieinhalb Stunden seinen Applaus im gut besuchten KulturForum redlich verdient hat.