Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Yasmina Rezas "Kunst" - Pressevorbericht in den Kieler Nachrichten vom 13.09.2005 (Thomas Richter)
| "Das ist das erste Stück, bei dem ich während des Lesens laut gelacht habe. Genau diese Mischung aus Boulevardkomödie und Psychodrama, Staats- und Zimmertheater ist reizvoll, wobei man zusehen muss, das Komödiantische des Stoffes zu betonen." |
Ein Bild - weiß in weiß
"Mein Freund Tom hat sich ein Bild gekauft. Ein Ölgemälde von etwa 1,60 auf ein 1,20 Meter. Der Untergrund ist weiß und wenn man die Augen zusammenkneift, kann man weiße feine Querstreifen erkennen."
Von Bildern und Männerfreundschaften
Ein Bild als Stein des Anstoßes. So beginnt das wunderbare Stück "Kunst", das am Freitag als Inszenierung des Werkstatt-Theaters in der Hansastraße 48 Premiere feiert. Aber jenseits von Malerei und Kunstbeflissenheit erzählt Yasmina Rezas viertes Stück, mit dem der Pariser Autorin, Schauspielerin und Regisseurin iranisch-ungarischer Herkunft Mitte der neunziger Jahre ein Welterfolg gelungen ist, die Geschichte einer wunderbaren Männerfreundschaft. 15 Jahre halten Jan (Joachim Wendt), Mark (Sebastian Engelhard) und Tom (Jörn Arens) unverbrüchlich zusammen. Doch als Tom, ein zeitgeistorientierter Mann, jenes weiße Bild – einen echten "Antrios" – für 100000 Euro gekauft hat, stürzt er das Trio in eine existentielle Zerreißprobe. Tom verspürt eine "Vibration", für Mark ist das Werk schlicht eine "weiße Scheiße", und Jan hat dazu gar keine Meinung. Er kämpft mit den Vorbereitungen für seine Hochzeit, die sich unerwartet kompliziert gestalten. Ausgerechnet er aber, der Konfliktscheue, soll nun im Kunst-Streit schlichten. Ein Wort gibt das andere, aus kleinen Sticheleien werden ausgewachsene Gemeinheiten. Immer mehr unangenehme Wahrheiten kommen ans Tageslicht, und so scheint die Freundschaft unweigerlich der Totalkatastrophe entgegen zu driften.
Von Paris nach Kiel
"Das ist das erste Stück, bei dem ich während des Lesens laut gelacht habe", sagt Regisseurin Marta Pawlik-John, die mit dem so einzigartig zwischen Boulevardkomödie und Psychodrama, Staats- und Zimmertheater stehenden Werk ihre zweite Regiearbeit präsentiert. Genau diese Mischung habe sie gereizt, wobei sie zugibt, dass die ausgeklügelte dramatische Balance des Stücks eine große Herausforderung sei: "Zu Beginn wurden die Darsteller viel zu schnell ernst. Da musste ich zusehen, das Komödiantische des Stoffes zu betonen. Es war mir wichtig, noch Luft nach oben zu haben, um einen steten Spannungsbogen zu entwickeln", sagt die Regisseurin, die das Geschehen durch kleine Eingriffe wie Namensänderungen von Paris in den norddeutschen Raum verlegt hat. Außerdem werde sie das Publikum mit einer kleinen Änderung am Ende überraschen. Um, wie sie sagst, "das Moralisierende, allzu Schwere an dieser Stelle etwas zu entschärfen". Wichtig sei ihr die optimistischere Grundaussage des Stückes: "Man muss seine Freundschaften pflegen, voneinander lernen, denn Menschen verändern sich."
