Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Yasmina Rezas "Kunst" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 19.09.2005 (Thomas Richter)
| Überdeutlich gezeichnete Figuren, eine wirkungsvolle Dramaturgie, wunderbar pointierte Dialoge und dazu noch psychologische Tiefe ... das ist dem Werkstatt-Theater-Kiel mit seiner begeistert aufgenommenen Premiere durchaus gelungen. |
Schmutzige Wäsche vor weißer Leinwand
Anders als sein Corpus Delicti, ein weißes Ölgemälde auf dem man, nur wenn man die Augen zusammenkneift, weiße feine Querstreifen erkennen kann, hat Yasmina Rezas Erfolgsstück "Kunst", das am Freitag in der gut besuchten Hansastraße 48 aufgeführt wurde, sehr wohl klare Konturen. Überdeutlich gezeichnete Figuren, eine wirkungsvolle Dramaturgie, wunderbar pointierte Dialoge und dazu noch psychologische Tiefe. Ein wasserdichtes Stück also, gerade für ein engagiertes Laien-Theater bestens geeignet, um sich zu profilieren. Und das ist dem Werkstatt-Theater-Kiel mit seiner begeistert aufgenommenen Premiere durchaus gelungen.
Solides Komödienhandwerk
In ihrer zweiten Regiearbeit zeigt Marta Pawlik-John solides Komödienhandwerk mit gutem Gespür für Personen- und Dialogregie.
Weißen Scheiße
15 Jahre pflegen Jan, Marc und Tom eine scheinbar unverbrüchliche Männerfreundschaft. Bis sich Tom eben jenes weiße Bild - einen echten "Antrios" - für 100000 Euro kauft. Mark befürchtet angesichts der "weißen Scheiße", Tom sei über Nacht zum Kunst-Snob verkommen und der arme Jan versucht wie immer zu schlichten. Was sich besonders schwer gestaltet, da er selber gerade bis zum Hals in nervtötenden Vorbereitungen für seine Hochzeit steckt. So wächst sich der Kunst-Streit zur existentiellen Krise aus, bei der vor weißer Leinwand viel schmutzige Wäsche gewaschen wird.
Szenen- und Ortswechsel ohne Umbauten
Das weiße Bild im Vordergrund, dominierend. Dazu ein gelber Plüschsessel, eine rote Bank, lila und orange Blumenkissen, eine Hausbar und darüber ein kitschig-romantischer Landschaftsschinken. Mit sparsamsten Bühnenmitteln macht die Inszenierung Szenen- und Ortswechsel ohne Umbauten kenntlich und definiert damit sogar noch die Figuren. So bedient Jan seine Gäste mit Mineralwasser in einfachen Gläsern, während Tom aus der gleichen Bar mit langstieligen Champagnerkelchen punktet. Bei Jan "zu Hause" ist das weiße Bild verhängt, derweil das Werk über der Bar von biedermännischen Kunstfreuden kündet. Bei Tom ist es umgekehrt.
Von Ängsten bis Zuneigungen
Joachim Wendt als linkischer, aber irgendwie grundsympathischer Ja-Sager Jan, Sebastian Engelhard als zupackender, dabei eifersüchtiger Macher-Typ Marc und Jörn Arens als schnöselig arroganter Kulturmensch Tom geben ein vielschichtiges Trio, das in ständig wechselnden Koalitionen das Prinzip zwei gegen einen ausreizt. Das wirkt nicht zuletzt deshalb glaubwürdig, weil die Darsteller in der Psyche ihrer Figuren zuweilen tiefer schürfen und Verletzlichkeiten, Ängste und - jenseits alle Gemeinheiten - auch Wärme und gegenseitige Zuneigung zutage fördern. Hierzu passt dann das leicht entschärfte Ende, mir dem die Regisseurin eine Endlosschleife derartiger Streitigkeiten andeutet. Wie in einer alten Ehe, wo man nicht mit und nicht ohne den andern kann.
