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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Carl Sternheims "Die Kassette" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten (Sabine Tholund)

Die Gier nach Geld macht die Menschen schwach und schlecht. Daß es dennoch recht listig sein kann, dem moralischen Niedergang derart Getriebener zuzusehen, zeigte das Werkstatt-Theater mit Carl Sternheims Komödie "Die Kassette", die am Donnertag eine viel belachte Premiere feierte.  

Aufführung mit Kieler Lokalkolorit

Im Dienste der Aktualisierung des knapp 100 Jahre alten Stückes, deren Notwendigkeit ebenso fragwürdig erschien wie das ein wenig bemüht eingeflochtene Kieler Lokalkolorit, hatte Regisseur Jörn Arens bisweilen die Brechstange benutzt. Dem Unterhaltungswert des Abends tat dies dank eines höchst präsent und munter agierenden Ensembles jedoch keinen Abbruch.

Gutbürgerliche Spießigkeit

Das Wohnzimmerchen, das Grit Hölzer auf die kleine Bühne in der Hansastraße 48 gezaubert hat, strahlt im Glanze gutbürgerlicher Spießigkeit: Kronleuchter, Trockenblumen und ein Arrangement von Topfpflanzen. Drei Türen, aus denen reichlich ein- und ausgegangen wird, dienen den Erbschleichern zudem zum Horchen oder Schlüssellochgucken, eignen sich aber auch, blitzschnell einen Liebhaber zu verstecken.

Große Worte und schafsdämliche Verliebtheit

Den gibt mit einiger Bravour und brünftigem Schmelz in der Stimme Joachim Wendt in der Rolle des Photographen und Schürzenjägers Seidenschnur. Große Worte schraubt er sich aus dem – für wechselnde Damen – leicht entflammbaren Busen. Domenica Jacobi, die als Nichte der Erbtante agiert und den Schwerenöter schließlich als Ehemann einfängt, setzt mit schafsdämlich grinsender Verliebtheit gelungene Kontrapunkte.

Mit Fummeln und Knutschen

Überhaupt wird reichlich gefummelt und geknutscht. Auch der verschuldete Oberlehrer Krull ( famos: Friedrich Caesar ) kann kaum von seinem jungen Weibe lassen. Silke Kurpiers ist in der Inszenierung von Arens nicht nur süßes Betthäschen, sondern kann in ihrer Abneigung auf die verhaßte Erbtante auch Zähne zeigen. Silke Arens alias Tante Elsbeth macht in der Rolle der Hüterin der Geldkassette in jeder Lebenslage eine gute Figur: Mit Grandezza kippt sie ihren Likör und führt wie eine Grande Dame die Möchtegern-Erben an der Nase herum.