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Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Molieres "Der eingebildete Kranke" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 13.10.2003 (Almut Behl)

Unter der Regie von Stefan Schwarze und Dominica Jacobi ist dem Werkstatt-Theater-Kiel eine gut getimte, mit viel Slapstick plus aktuellen Anspielungen gewürzte Inszenierung gelungen. Verdiente Ovationen für ein Ensemble in Hochform. 

Spiel der Figuren

„Wenn das so weiter geht, macht es gar keinen Spaß mehr, krank zu sein“, jammert Argan. Töchterchen Angelique scheint unwillig, den vom Vater eigennützig auserwählten Arztsohn Thomas zu heiraten, Gattin Bélines Fürsorge ist übereifrig und auf seltsame Erbschaftsfragen fixiert, und was für ein doppeltes Spiel treibt das "Biest und Luder" Toinette, das kecke Dienstmädchen?

Mit jugendlicher Eile zum Abort

Um ans Ziel zu kommen, wirft Argan sich mit immer größerer Verve in sein Leidensschauspiel: Kaum gehfähig sinkt er in seinem langen Nachthemd, auf Stock und Sessellehne gestützt, inbrünstig stöhnend in seinen Thron Lehnstuhl-Thron, von wo er mit erbärmlichen Ächzern, Lechzern und Keuchanfällen aufgerissenen Auges sein wissendes Dienstmädchen foppt und tyrannisiert, bis ihn die Wirkungen von Arzneien und Einläufen mit jugendlicher Eile recht sportlich zum Abort treiben, wo befreiende Winde sich lautstark Luft machen.

Gut getimte Inszenierung

Absolut köstlich, wie Hauptdarsteller Friedrich Caesar Argans Ärgernisse illustriert, ihn als hypochondrisch Durchtriebenen dennoch nicht verhöhnt, sondern liebevoll mit Menschlichkeit ausstattet. Wie er konsequent die Spannung zwischen Lethargie und Aufbrausen beibehält und im Detail immer wieder nachzieht, etwa beim akribisch glitschigen Händewaschen nach gewissen Verrichtungen. Unter der Regie (und mit dem Bühnenbild) von Stefan Schwarze und Dominica Jacobi ist dem Werkstatt-Theater-Kiel eine gut getimte, mit viel Slapstick plus aktuellen Anspielungen gewürzte Inszenierung gelungen.

Verdiente Ovationen für ein Ensemble in Hochform

Eine hinreißende Komödie, die auch technisch das Niveau eines Amateur-Theaters überragt: Etwa die körperlich und mimische durchchoreografierte Scheinheiligkeit von Marta Pawlik-John als Bèlinde, wenn sie mit pointierter Falschheit das Federbett zurechtklopft. Wenn Chris Siedler das brave Töchterlein mit der Natürlichkeit à la Forsthaus Falkenau gibt; zum Piepen das Medizinerduo Vater (streng: Jörn Arens) und Sohn Diafoirus, die sich in schwarzem Tuch plus Halzkrause als stocksteife Doctores geben. Besonders Joachim Wendt kriegt Lacher für sein perfekt tumb-gelehrtes Aufsagen auswendig gelernter Nettigkeiten beim Brautwerben, die er mit blöd-leerem Blick wie ferngesteuert ausstößt. Bestens besetzt als schüchtern-zarter Liebhaber Cléante ist Timm Engels, auch die das Wirrwarr lösende Silke Arens ist als Argans esoterische Schwester Béraldine mit starker Stimme zu Atem- und Yogaübungen auf der Bühne ideal. Heimlicher Zweitstar aber ist Claudia Wehner als dralle Drahtzieherin Toinette. Wenn sie bauernschlau zwischen den gigantischen Wäschestücken Argans hervorlugt und später mit resoluter Härte die heilende Untersuchung als falscher Arzt an Argan vornimmt, gibt es kein Halten mehr. Verdiente Ovationen für ein Ensemble in Hochform.