Das Werkstatt-Theater-Kiel mit Frank Pinkus "Die besten Tage meines Lebens" - Premierenkritik in den Kieler Nachrichten vom 14.06.2003 (Almut Behl)
| Die bestens getimte Komödie lebt von Sprachwitz und sich treffenden Synchronsätzen, vom fliegenden Wechsel der Rollen und Requisiten auf den per Vorhang getrennten zwei Ebenen von Grit Hölzers Bühne. |
Zoff statt Sex
Woody Allens Schnitte und auch der geteilte Bildschirm à la Doris Day/Rock Hudson lassen grüßen, wenn Klaus und Anna ihren Ehepartnern und damit dem Publikum in Rückblenden von ihren Begegnungen erzählen. Eigentlich traurig, dass die zufälligen Treffen, die in der Grundschule begannen, über Stelldicheins in Geisterbahn bis Sauna dann in der bekleideten Unterredung auf der Bettkante des Stundenhotels enden, "die besten Tage meines Lebens" sind, wie Anna am Schluss bekennt. Sex gab´s nie, eigentlich war immer nur Zoff: am ersten Schultag, als der Schokoladefan Klaus und die burschikose Anna, die immer alles schon früher und besser kann, sich treffen.
Sie kann schon lesen, er macht in die Hose
Wirklich köstlich, wie Anja Wermke-Brandtner und Thies John sich leidenschaftlich in die Rollen von Sechsjährigen werfen, die mit schmolliger Lippe und vorlautem Kindermund in ihre Schultüten und bereits damit in ihr grundverschiedenes Seelenleben gucken. Sie kann schon lesen, er macht sich noch in die Hose. Auch in der Tanzschule sind seine Hände pitschnass, die Schritte jungenhaft linkisch, und als Anna sich später friedensbewegt in die Kaserne schleicht und den Wache schiebenden Soldaten knebelt, entpuppt sich der Feind wieder einmal als alter Bekannter.
Mann und Frau als Gegensätze
Ob dieser im Laufe des Lebens zum Freund wird, fragt und bejaht das amüsante Stück von Frank Pinkus in der Manier von "Harry und Sally": Mann und Frau als Gegensätze, die sich eben darum anziehen, weil sie im Gegenüber nicht die Erfüllung ihrer Wünsche, sondern einen Gegenpart finden, an dem sie sich reiben können. Diese erzeugt bekanntlich Strom, und die zutiefst menschliche Erotik zeigt die Produktion des Werkstatt-Theaters aufs Komischste: Stan Laurellike murmelt Thies John als geknebelter K.K. vor der Kaserne durch sein Pflaster, Monty Python-gemäß näselt er am WG-Tisch aus seinem Inhalationsgerät und schneidet sich beim Bohnenputzen beide Daumen.
Eine bestens getimte Komödie
Anja Wermke-Brandtner pendelt als Anna ebenso virtuos zwischen charmanter Mädchenzickigkeit, neunmalkluger Jugendlichkeit und der gereiften Frau. Die bestens getimte Komödie lebt von Sprachwitz und sich treffenden Synchronsätzen, vom fliegenden Wechsel der Rollen und Requisiten auf den per Vorhang getrennten zwei Ebenen von Grit Hölzers Bühne. Mag es auch in den Ehen nicht mehr prickeln, letztlich ist Freundschaft ohne Sex der bessere Kick. Regisseur Thies John und seine kooperierende Frau Marta Pawlik-John bringen dies mit bitter-fröhlichem Erwachsenwerden treffend rüber.